Open Repair Alliance

von | 5. August 2026 | Blog, Open Hardware

Kaputter Akku, gebrochenes Display, Waschmaschine streikt? Seit Ende Juli 2026 müssen Hersteller von Smartphones, E-Bikes oder Kühlschränken ihre Geräte auch nach Ablauf der Garantie reparieren und zwar zu fairen Preisen. Doch das eigentliche Highlight dieses neuen Gesetzes steht gar nicht im Gesetzblatt: Die Grundlagen dafür stammen nicht aus Konzernzentralen, sondern aus den offenen Daten der Open Repair Alliance (ORA), die ehrenamtlich in Reparatur-Cafés gesammelt werden.

Aufschlussreich ist weniger die Norm selbst als die Frage, worauf sie sich stützt. Produktlisten, Ersatzteilfristen und Reparierbarkeitsanforderungen setzen empirisches Wissen darüber voraus, woran Reparaturen in der Praxis tatsächlich scheitern. Ein nicht unerheblicher Teil dieses Wissens wird ehrenamtlich erhoben und als offener Datensatz publiziert: von der Open Repair Alliance (ORA).

Eine Erhebungsarchitektur, kein Datenfriedhof

Die ORA wurde 2017 von Repair Café International, The Restart Project, der Anstiftung, Fixit Clinic und weiteren Netzwerken gegründet. Ihr technisches Kernstück ist der Open Repair Data Standard (ORDS), derzeit in Version 0.3.

ORDS gliedert die Erhebung in vier Module – produkt-, reparatur-, session- und anbieterbezogen – mit jeweils verpflichtenden und optionalen Feldern. Verbindliche Codelisten strukturieren die zentralen Dimensionen: 40 Produktkategorien, vier Werte für repair_status (Fixed, Repairable, End of life, Unknown), sechs Werte für repair_barrier_if_end_of_life. Ausgeliefert wird zeilenweise als CSV und JSON, jeweils mit einem Manifest zu Schema, Herkunft und Lizenz, versioniert in einem öffentlichen Git-Repository, mit einem Releasezyklus von etwa sechs Monaten.

Bemerkenswert ist die Begründungslogik des Standards: Jedes Pflichtfeld muss sich auf einen konkreten Anwendungsfall zurückführen lassen und wird ausdrücklich gegen den Erhebungsaufwand abgewogen, der Ehrenamtlichen während einer laufenden Veranstaltung zumutbar ist. Erhebungsökonomie ist hier Designprinzip, nicht nachträgliche Einschränkung.

Das Datenmodell ist bereits ein politisches Artefakt

Die eigentlich interessante Stelle ist die Barrieren-Codeliste. Ihre sechs Werte – Ersatzteile nicht verfügbar, Ersatzteile zu teuer, Produkt nicht zu öffnen, Reparaturinformationen nicht verfügbar, fehlende Ausrüstung, zu stark abgenutzt – wurden laut Standarddokumentation in Abstimmung mit iFixit entwickelt, orientiert an den europäischen Politikprozessen der vergangenen Jahre.

Die Anschlussfähigkeit an Regulierung ist damit nicht das Ergebnis nachträglicher Interpretation, sondern in das Schema eingeschrieben. Die Kategorien korrespondieren unmittelbar mit den Stellschrauben der Ökodesign-Regulierung: Verfügbarkeit und Preis von Ersatzteilen, zerstörungsfreie Zerlegbarkeit, Zugang zu Reparaturinformationen. Wer die Feldwerte aggregiert, erhält keine Stimmungslage, sondern eine Aussage in genau der Sprache, in der Ökodesign-Anforderungen formuliert werden.

Größenordnung

Das Release vom Oktober 2025 (Daten bis Juli 2025) umfasst 305.649 Zeilen zu Elektro- und Elektronikgeräten, gegenüber 208.491 im Vorjahr – ein Zuwachs von 46 Prozent. Über alle Gerätearten hinweg sind 441.068 Reparaturversuche aus 31.436 Veranstaltungen von 1.482 Gruppen in 32 Ländern erfasst. Die Erfolgsquote liegt bei elektrischen Geräten bei 54 Prozent, bei nichtelektrischen Gegenständen bei 83 Prozent. Häufigste Kategorien sind Staubsauger, Lampen und Elektrowerkzeuge.

Grenzen der Aussagekraft

Es handelt sich um ein Konvenienz-Sample: Erfasst wird, was Menschen in eine Reparaturveranstaltung tragen. Partnerseitige Kategorien werden auf ORDS-Werte gemappt, was Übersetzungs- und Ermessensspielräume enthält; das Feld problem ist Freitext und damit nur eingeschränkt auswertbar (eine Fehlertypliste ist für eine künftige Version angekündigt); Barrieren werden ausschließlich bei Status „End of life“ erfasst; Altersangaben sind Schätzungen. Für Repräsentativitätsansprüche reicht das nicht – für Argumente über wiederkehrende Ausfall- und Blockademuster durchaus, sofern die Herkunft ausgewiesen bleibt. Der Standard dokumentiert diese Einschränkungen selbst, was ihre Handhabung erleichtert.

Nutzung und Mitwirkung

Der aggregierte Datensatz steht unter CC BY-SA 4.0 zum Download bereit; frühere Releases und partnerspezifische Pakete liegen im Git-Repository. Für explorative Abfragen betreibt die ORA eine öffentliche Metabase-Instanz. Die Share-Alike-Bedingung muss bei abgeleiteten Datenbanken und Visualisierungen weitergegeben werden – für Weiterverwendungen im Portalkontext ein relevanter Punkt.

Wer eine Reparaturinitiative begleitet, kann die eigene Erfassung an ORDS ausrichten oder eine der angeschlossenen Plattformen nutzen: Restarters.net mit dem Fixometer, den Repair Monitor der Repair Café Foundation oder die Erfassung der Anstiftung. Dabei gilt: nur eine Plattform verwenden. Die Bestände werden halbjährlich zusammengeführt, Mehrfacherfassung erzeugt Doppelzählungen.

Der Datensatz liegt vor. Sein Wert bemisst sich daran, wie oft er tatsächlich abgefragt wird.

Quellen und Einstiegspunkte